Arbeit im Flüchtlingscamp Mavrovrouni (Moria) auf Lesbos

 

Bereits zum dritten Mal war ich im Oktober und November 2022 auf Lesbos, um Behandlungen für Asylsuchende zu geben, die im dortigen Flüchtlingscamp leben.

 

Die Erfahrungen möchte ich an dieser Stelle aufschreiben und etwas wiedergeben, von dem, was ich dort an erlebe. Aus Respekt gegenüber den Klienten und um ihre Privatsphäre zu schützen, verzichte ich auf Bilder von Personen.

 

Warum ich diese Arbeit mache
Ein kurzer Video-Bericht

 

Unter folgendem Link können Sie meine Arbeit für 2023 durch Spenden unterstützen:

Fundraising-Kampagne auf Betterplace

Arbeit mit PTBS - November 2022
Einen jungen Afghanen behandele ich im Camp, der hier mit seiner Familie erst vor drei Wochen angekommen ist. Er kam wegen Rückenschmerzen – wie so viele Geflüchtete. Das Unsagbare des Erlebten, für dessen Dimension keine Worte zu finden sind und für das die Worte auch keinen inneren und äußeren Raum hätten – findet im Körper seinen Ausdruck.
Ich begegne hier jeden Tag Menschen mit chronischen Schmerzen: im Rücken, im Kopf, oft der ganze Körper steif, überhitzt oder unterkühlt, seelische und körperlich sehr sichtbare Spuren von Gewalt, Entzündungen der Gelenke, alte Verletzungen von Gelenken, Knochen, Bändern, Sehnen, deren Schmerz wieder aufflammt, nicht heilen will, Seele und Körper finden keine Ruhe. Schlafen unmöglich: es gilt wachsam zu sein, jeder Zeit. Das Erlebte hat sich ins körperliche und seelische System eingebrannt. Post-traumatische Belastungsstörung heißt es dann offiziell.
Der junge Mann ist auf der Flucht über das Mittelmeer mit dem Leben knapp davon gekommen. Mehrere Stunden unterkühlt im Wasser ist ihm die Kälte in die Knochen gekrochen. Der Körper ist kalt, der obere Rücken bildet eine verhärtete Wand, Schutz dem Herzraum. Schlafen, zur Ruhe kommen – unmöglich. Und dann ist da auch die Wut. Es gibt so viele Gründe für diese Wut, dass es sinnlos ist, sie aufzuzählen. Aber es braucht nur sehr wenig, um die fragile Hülle des alltäglichen Funktionsmodus ins Kippen zu bringen.
Es ist ein sehr berührender Prozess, diesen Mann auf seinem Heilungsweg zu begleiten und zu unterstützen, dass er einen Teil der in seinem System gespeicherten Erfahrungen loslassen kann und dadurch wieder in der Gegenwart präsent und handlungsfähig sein. Nach wenigen energetischen Behandlungen sind die Schmerzen deutlich zurückgegangen, der Bauchraum wieder warm. Nachdem es ihm zu Beginn nicht möglich war, auch nur für zwei Sekunden die Augen zu schließen, fand gestern eine tiefe Beruhigung des Nervensystem statt und er ist während der Behandlung eingeschlafen. Dieser Wendepunkt in der Behandlung war auch das Ergebnis einer Kombination unterschiedlicher Herangehensweisen. So ging der bioenergetischen Behandlung eine physiotherapeutische Arbeit voraus, mit Übungen zum Dehnen der verhärteten Rückenmuskulatur. Ein nonverbaler Weg, auf körperlicher Ebene Raum zu schaffen, aus der Kontraktion in die Expansion zu gehen, das Körpergedächtnis zu erinnern, dass Muskulatur für Bewegung und Lebendigkeit geschaffen ist – und dass es sicher ist, dadurch aus der verpanzerten Schutzhaltung herauszutreten. Es scheint, dass in dieser Kombinationsbehandlung ein grundlegender Schritt in Richtung eines sehr individuellen Heilungsweges für diesen speziellen Menschen auf einer tiefen, nonverbalen Ebene gegangen wurde.
Als ich ihn heute wiedersehe, ist sein Gesicht frei und er hat etwas Leuchtendes bekommen.
Die Asylsuchenden hier auf Lesbos befinden sich aufgrund ihrer sehr belastenden Lebensgeschichten und Erfahrungen häufig in extrem komplexen gesundheitlichen Situationen. Ich wünsche mir, dass mehr solche Projekte entstehen, die darauf mit komplexen, individuell abgestimmten Behandlungskonzepten reagieren. Es gibt kein Patentrezept – nur den einzelnen Menschen, den wir mit aller uns zur Verfügung stehenden Kompetenz, unsere Fürsorge und Achtsamkeit ein Stück weit auf seinem Heilungsweg begleiten.
November 2022

 

Wiedersehen

 

Earth Medicine hat inzwischen einen Container direkt im Camp. Behandelt wird momentan nur dort direkt im Camp, nicht mehr in der Praxis außerhalb in Mytilini. Heute hab ich das erste Mal im Camp Behandlungen gegeben. Es sind deutlich weniger Menschen zur Zeit in Moria untergebracht als noch im März, vorrangig aus Somalia, Nigeria, einige aus Afghanistan. Tief berührt hat mich die Begegnung mit einem jungen Mann aus Somalia, den ich im März bereits einige Male behandeln durfte. Damals konnte er nicht laufen, hatte Lähmungserscheinungen in den Beinen und Füßen, saß im Rollstuhl, war sehr schwach und abgemagert, so zart. Heute begegnet mir ein schüchterner Mann, hochaufgerichtet, er läuft, fährt Fahrrad, lernt Gitarre spielen, spricht inzwischen englisch. Erlebnisse wie diese lassen mich spüren, wie wichtig es ist, diese Arbeit zu machen. Zu sehen, wie die vereint zusammen wirkenden Kräfte Hoffnung geben können und zu so unglaublichen Fortschritten beitragen. Was für ein wunderbares Erlebnis zum ersten Tag heute im Camp.

Oktober 2022

Besuch im 2022 abgebrannten Lager Moria - Oktober 2022
Wir waren heute im alten Flüchtlingslager Moria, das im September 2020 nach einem verheerenden Brand geschlossen wurde. Wir gehen die 9 Kilometer in die Berge zu Fuß. Das Gelände liegt verlassen inmitten von Olivenhainen, Reste von Fundamenten der Gebäude sind zu sehen, die Bäume tragen die Spuren des Feuers und ragen als schwarze Mahnmale in die Luft. Die Natur beginnt sich den Ort zurückzuholen: Pflanzen wuchern in einer neuen Schicht über den stellenweise von Schuttresten und Glasscherben bedeckten Boden, eine Ziegenherde hat sich den Platz erobert und lebt in den verlassenen Ruinen.
Es finden sich Zeugnisse aus dem Leben der Menschen, die das Feuer erlebt haben: Besteck, Kleidung, ein Paar Kinderschuhe, einer davon von der Glut verschmort.
Wir versuchen uns vorzustellen, wie es gewesen muss, mit mehr als 20.000 Menschen auf diesem Gelände zu leben, mit dem "Dschungel", wie das unübersichtliche Durcheinander von Zelten und Behausungen genannt wurde, dass sich bis in die Berge hochzog. Ich erinnere mich an die alte Afghanin vom letzten Jahr, die erzählte, dass sie im Chaos des Brandes ihr Gebiss im Zelt verloren hat. Ihr Sohn kam 5 Tage lang jeden Tag zurück, um in den Überresten des abgebrannten Lagers danach zu suchen.
Als wir gehen, eine bizarre Begegnung. Am Eingang des alten Lagers treffen wir auf eine österreichische Familie, ein Ehepaar mit ihrer jugendlichen Tochter. Die Frau, stark geschminkt, mit einem mit Glitzersteinchen besetzten Cap posiert für Fotos vor dem Eingang. Sie sprechen uns an. Es stellt sich heraus, sie waren unten im neuen Camp, hatten versucht hineinzugehen, aber "leider dürfe man nicht hinein", sie hätte so gerne an die Flüchtlingskinder Süßigkeiten verteilt, um das dabei entstehende Filmmaterial für ihr Musikvideo zu benutzen. Nun müsse das alte Lager reichen. Angesichts des Kontrastes dieser Aussage mit dem Ort, an dem wir uns befinden, bin ich sprachlos. Sprachlos ob dieser Empathielosigkeit und Narzissmus. Wir lehnen das Angebot, mit dem Auto mitzufahren, dankend ab.
Solche Momente lassen mich an dem Zustand der Welt zweifeln. Solche Momente, in denen sich die Kluft innerhalb des eigenen Kulturkreises als größer erweist als erahnt, dass ich mich schämen möchte, und die herzlichen Verbindungen und Begegnungen, die hier mit so vielen Geflüchteten in der Arbeit entstehen, desto mehr zu schätzen weiß.

 

Vorläufiger Abschied

Und wieder geht meine Zeit auf Lesbos zu Ende. Gestern habe ich am Meer gesessen, ein windiger Tag, das Wasser aufgewühlt. Das Meer, erscheint mit an diesem Ort in seinem wechselhaften Ausdruck, so facettenreich, zwiespältig, auf dieser Insel der Extreme. Mir ist schmerzlich bewusst, dass viele Menschen, die unfreiwillig hierher kamen, es gleichzeitig als heilsam und vernichtend erleben. Ich versuche Worte zu finden – etwas von dieser Welt hier mitzuteilen, in die ich eintauche.
Mein Herz verbindet sich an diesem Ort, in der Arbeit als Heilerin mit so vielen wunderbaren Menschen auf so vielen verschiedenen Ebenen. Vielmehr: es fühlt sich an, als würde Verbindungen auf der Seelenebene hier viel leichter und müheloser entstehen als anderswo. An diesem Ort als Heilerin arbeiten zu dürfen, ist ein Geschenk: so viel Liebe, Achtsamkeit, Dankbarkeit und Vertrauen fließen zu mir zurück, dass ich mich voller Lebensintensität fühle und zutiefst dankbar für die Fügungen des Lebens, die mich mit diesem Ort und diesen Menschen zusammenführen.
Die Fortschritte der Heilungsprozesse, die meist aus dem Zusammenwirken unterschiedlicher Ansätze heraus entstehen, sind faszinierend in ihrem Tempo zu beobachten. Es ist wunderschön zu erleben, wie Menschen, die ich vor vier Monaten noch von viel Leid gezeichnet erlebte, erstarkt sind, ihre Fühler ausstrecken, wieder neu ins Leben hinein.
Dies Mal habe ich überwiegend, meist sehr junge, Männer behandelt: aus Somalia, Palästina, Afghanistan. Ihr Mut und ihr Vertrauen, ihr Stolz und ihre Zartheit, die sie sich durch ihre oft grausamen Lebenserfahrungen bewahrt haben, hat mich zutiefst berührt. Ich danke den Männern für ihr Vertrauen, sich auf die für sie so ungewohnte Situationen während der Heilbehandlungen einzulassen. Und dann die Frauen - die starken, warmherzigen, liebevollen Frauen, mit ihrem Hunger nach Lebenslust, lachen, tanzen, Musik, Freiheit – Leben.
Was für großartige Arbeit Fabioladurchgängig hier leistet, widrigen, ständig wechselnden äußeren Bedingungen trotzend, ist beeindruckend. Ein so starkes Team in changierender Zusammensetzung - es ist eine Freude mit Euch zu arbeiten. Earth Medicine wächst und gedeiht – möge dieser Ort der Heilung weiterhin erblühen und von außen die Unterstützung – nicht zuletzt die materielle – erfahren, die diese so überlebensnotwendige Arbeit für viele Geflüchtete in Moria ermöglicht.
Frühjahr 2022

 

Friedhof der Geflüchteten
Mahnas ist eine junge Frau aus Afghanistan, die als auszubildende Physiotherapeutin mit mir arbeitet. Sie kam letztes Jahr mit ihrer Mutter und ihrer Cousine nach Lesbos. Vor zwei Monaten ist die Mutter sehr plötzlich verstorben. Ich habe mit ihr den Friedhof besucht, auf dem ihre Mutter begraben ist und auf dem alle Geflüchteten hier beerdigt werden. Es ist einer der trostlosesten Orte, an denen ich je gewesen bin. Der Ort liegt mitten im Nirgendwo, ohne Auto und Ortskenntnisse nicht zu erreichen. Ein privates Grundstück, verpachtet an eine Gemeinde. Wir betreten das Gelände durch ein Loch im Drahtzaun. Es sind sehr viele Gräber, die bei genauerem Hinschauen zu entdecken sind, erkennbar an einzelnen Steinen. Die Gräber anonym, von trockenem Gras überwuchert, dazwischen Haufen von Plastik. Mahnas hat alles in Bewegung gesetzt, um ihrer Mutter an diesem trostlosen Ort eine würdige Grabstätte zu setzen.
Immer mehr Menschen setzen sich dafür ein, dass dieser Ort offiziell anerkannt, zugänglich gemacht und zu einem Mahnmal erklärt wird.
2021

 

Ein Bericht der taz anlässlich des Jahrestages des Brands von Moria

 

https://taz.de/Ein-Jahr-nach-Brand-in-Moria/!5795520/